Der Camptalk mit Schauspieler Max Tidof

Foto: Mike Meyer

Er ist vielseitig und wandlungsfähig, kann auf eine große Bandbreite an Filmen und Theaterstücken zurückblicken. Ganz ohne Ausbildung spielte er bereits mit 19 alle Planetenbewohner in dem Bühnenstück „Der kleine Prinz“ im Studiotheater in München. Danach wechselte er zum Film und blieb auch dem Theater treu. Er spielte unter der Regie von Theatergrößen wie Peter Stein und Filmregisseuren wie Joseph Vilsmaier, um nur einige zu nennen. Fernsehfilme und Serien gab es reichlich, auch Kinoerfolge wie „Vergesst Mozart“, „Abgeschminkt“ und „Comedian Harmonists“ gehören in sein Portfolio. Er verkörpert skurrile Typen, Außenseiter, Bösewichte, zwielichtige Gestalten, zornige Männer und natürlich – als Womanizer – auch Liebhaber. Wenige deutsche Schauspieler sind derart wandlungsfähig wie er. Ob Max Tidof auch gerne zum Campen geht? Wir haben nachgefragt.

  • MT: Es kann losgehen, der Espresso ist fertig.

CWH: Trinken Sie ihn mit Zucker?

  • MT: Natürlich, Sie wissen doch, ein Kaffee muss heiß sein wie die Hölle, schwarz wie die Seele und süß wie die Liebe.“

CWH: Ach ja, klar.

CWH: Da ich für die Campingbranche schreibe, will ich natürlich unbedingt wissen, ob Sie campingaffin sind.

  • MT: Es fallen mir schon ein paar Campingeskapaden aus jungen Jahren ein. Politisch korrekt waren sie aber nicht immer.

CWH: Okay, ich höre?

  • MT: Als ich 15 Jahre alt war, bin ich mit der Clique mit Zelt und Mofa nach Dänemark gefahren, um mit Mädels anzubandeln. Das war schon aberwitzig, denn es waren immerhin 200 Kilometer. Wir haben es geschafft, das Mofa und ich haben nicht aufgegeben. Das Zelt habe ich bereits damals selten von innen gesehen, habe die Nacht lieber draußen unter freiem Himmel verbracht.

CWH: Na ja, politisch unkorrekt ist das ja nicht.

  • MT: Kommt schon noch. Mit 16 bin ich dann mit meinem Freund Ronnie Janot – ich lebte damals mit ihm in Hamburg in einer Kommune – nach Frankreich getrampt. Wir hatten ein kleines Zelt dabei, das aus einem imprägnierten Stoff bestand, der dicht und trocken war, solange man nirgends dagegenstieß. Während unseres Trips bauten wir einmal unser Lager auf einem Rastplatz auf. Es schüttete in Strömen. Als es anfing durchzutropfen, beschloss Ronnie, die Sache durchzustehen. Ich hingegen bin geflüchtet, habe einen offenen Lkw gefunden und mit meinem nassen Schlafsack auf Paletten im Laderaum übernachtet. Ich bin zum Glück aufgewacht, bevor der Fahrer mich entdecken konnte, ist ja aber auch nicht wirklich bequem, auf Paletten zu schlafen. Wir sind dann weiter in die Pyrenäen, waren dort auf irgendeinem Berg. Jung und wild, wie wir waren, haben wir LSD genommen und es tat sich eine unglaubliche und wunderschöne Landschaft vor uns auf. Ronnie baute das Zelt auf, ich sammelte Holz und irgendwann schliefen wir vor dem Zelt ein – es hatte mich wieder ausgespuckt. Am nächsten Morgen erinnerte der Blick auf unsere Stoffbehausung eher an ein kubistisches Kunstwerk als an ein Zelt. Es war ein Haufen Gestänge, der totaler Verhau. Wie wir das geschafft haben …, könnte es an den Drogen gelegen haben? Schade, dass es damals noch keine Handys gab.

CWH: Sind Sie damals auch auf einem richtigen Campingplatz gewesen?

  • MT: Ja, in La Rochelle haben wir auf einem richtigen Campingplatz geschlafen. Wir wurden dort von unseren Campingnachbarn richtig mitleidig beäugt. Diese saßen gemütlich unter den Vorzelten ihrer Wohnwagen, hatten Stühle und Tische. Wir dagegen sahen wohl ziemlich armselig aus und wurden dann auch öfter mal auf ein Bier eingeladen. Ach übrigens, ich habe dort natürlich nicht im Zelt, sondern davor geschlafen.

CWH: Wie sah die Verpflegung aus?

  • MT: Wir waren in Frankreich, hatten Baguette, Käse und Rotwein. Auch Ravioli standen auf dem Speiseplan. Wir hatten sogar einen Campingkocher dabei. Das war ein Metallkästchen, groß wie eine Zigarettenschachtel, in das man Anzündsteine hineingelegt hat. Es roch sehr komisch und die Ravioli aus der Dose waren immer nur lauwarm.

CWH: Lecker.

CWH: Ihre Frau Lisa hat mir erzählt, dass sie überhaupt nicht gerne zeltet, sogar einmal die Zeltübernachtung im Garten abgebrochen hat, um sich ins Haus zu schleichen. Ich nehme an, dass Sie wohl kein gemeinsames Campingerlebnis haben?

  • MT: Doch haben wir. Das war vor über 15 Jahren. Wir waren mit dem Auto unterwegs nach Sizilien. Damals gab es im Landesinneren wenig Übernachtungsmöglichkeiten und schon gar keine, wo Hunde erlaubt waren. Wir haben dann eine Nacht zu dritt in unserem Ford Explorer geschlafen: meine Frau, unsere Huskyhündin Lilli und ich.

CWH: Also doch campingerfahren!

  • MT: Ja und wie! (lacht) Lisa konnte sich am nächsten Morgen nicht mehr bewegen und hatte ein Erkältung. Wir haben dann die weitere Strecke am Meer entlang gewählt. Dort gab es Pensionen, die auch Hunde aufgenommen haben.

CWH: Sie fahren also gerne mit dem Auto in den Urlaub und scheuen auch keine langen Strecken?

  • MT: Wir lieben das sehr, es ist herrlich. Ein paar Hundert Kilometer fahren und bleiben, wo es schön ist. Lisa fährt und ich lese einen Roman vor. Wenn das Buch gut ist, vergeht die Zeit sehr schnell. Wenn das Buch besonders spannend ist, fahren wir auch mal länger als geplant.

CWH: Oh wir toll, ein lebendiges Hörbuch, schön!

CWH: Noch einmal zurück zu ihrer Affinität, draußen zu schlafen. Ist das heute noch so?

  • MT: Nein, heute liege ich viel lieber neben meiner Frau im Bett!

CWH: Sie haben sogar eine Zeit lang draußen, also auf der Straße gelebt?

  • MT: Das ist richtig, das war meine Anfangszeit in München, wo ich lange keine eigene Wohnung hatte. Damals habe ich unter freiem Himmel an der Isar, auf Bühnen oder bei irgendwelchen Mädels geschlafen.

CWH: Das war die Zeit, in der Ihre Karriere die ersten Schritte machte?

  • MT: Ja, das war in den 80er-Jahren, als das Theater näher zu den Menschen rückte. Damals war mein Freund Ronnie auf dem Weg nach Ibiza, wollte dort seine Hippiefreiheit finden. Bei einem Zwischenstopp auf dem Theaterfestival in München wurde er von Gunnar Petersen, Theatermann, Regisseur und Schauspieler, entdeckt. Dieser sah eine theatralische Ader in ihm und wollte ihn für ein Theaterstück besetzen. Er plante, „Der kleine Prinz“ in seinem Studiotheater im Fuchsbau in München-Schwabing aufzuführen, Ronnie sollte den Prinzen spielen. Ibiza wurde gestrichen, Ronnie kam zurück in unsere Kommune nach Hamburg und sagte: „Ich bin jetzt Schauspieler und gehe nach München.“ Ich daraufhin spontan: „Ich komme mit!“

CWH: Ich glaube, es hat dann ziemlich lange gedauert, bis das Stück wirklich auf die Bühne kam.

  • MT: Allerdings, es zog sich. Gunnar Petersen, war damals ein Mann, der gerne einen großen Schritt nach vorne machte, dann aber wieder einen zurücksetzte. Er hatte Angst, dass sein Vorhaben nicht klappen könnte. Ich habe in dieser Zeit das Theaterbüro geschmissen und als Regieassistent gearbeitet, wovon ich natürlich keine Ahnung hatte. Eines Tages bestand Gunnar auf eine Leseprobe, die er mit Ronnie an der Isar machen wollte. Ich sollte mit, um die anderen Rollen zu sprechen. An diesem Tag entdeckte Gunnar auch mein theatralisches Talent und beschloss auf dem Rückweg, dass jetzt die richtige Zeit sei, den kleinen Prinzen aufzuführen und ich sollte alle Planetenbewohner spielen.

CWH: Ohne jede Ausbildung?

  • MT: Ja – und gelispelt habe ich auch.

CWH: Wie hat das funktioniert?

  • MT: Ab der zweiten Reihe hat uns keiner mehr verstanden. Dennoch war die Stimmung toll und die Aufführung wurde ins Abendprogramm genommen. Die zweite Vorstellung war so schlimm, dass ich abhauen wollte. Die dritte ging dann so und bei der vierten ist meine Stimme sogar schon bis in die fünfte Reihe vorgedrungen. Ab da waren wir quasi jeden Abend ausgebucht. Es hatte sich, auch ohne Presse, herumgesprochen und die Leute wollten uns sehen. Bisher hatte sich kaum jemand an das Stück gewagt und wenn, hatte es nie funktioniert. Der kleine Prinz ist ja ein androgynes Wesen und man hatte bis dato die Befürchtung, dass man den Zuschauern die Illusion vom kleinen Prinzen auf der Bühne rauben würde. Wir haben es aber geschafft, haben eine ganz eigene Form von Fantasie entwickelt, die das Buch und die Vorlage nicht kaputt gemacht habt. Ronnie und ich haben dann mit Sprachunterricht angefangen und es dauerte nicht lange, bis wir sogar in der zehnten Reihe verstanden wurden. Mein Lispeln war ich auch los. Das Stück wurde ein großer Erfolg, wurde zur Lebensader des Studiotheaters im Fuchsbau. So etwas hatte es seit dem Krieg nicht mehr gegeben. Wir haben ja en suite gespielt – etwas Vergleichbares gab es nur mit der „Mausefalle“ in London. Nach viereinhalb Jahren war dann Schluss für mich, ich hatte schon länger das Bedürfnis und den Wunsch nach der großen Bühne und mit Gunnar gab es Unstimmigkeiten.

CWH: Wie ging es dann weiter?

  • MT: Ich hatte ja keine Ausbildung, trotzdem dachte ich: „Ich mache jetzt Film.“ Meine erste Rolle war grauenhaft, ich drehte damals mit einem sehr bekannten Regisseur. Das hat überhaupt nicht funktioniert, wir konnten nicht miteinander. Es war schrecklich und ich war mir sicher, dass ich das nie wieder machen wollte.

CWH: Was Sie aber nicht eingehalten haben.

  • MT: Nein, denn ich wurde für den Mehrteiler „Rote Erde“ besetzt. Klaus Emmerich führte Regie, Joseph Vilsmaier machte die Kamera und ich dachte: „Das ist ja toll, so geht Film also auch.“ Ich machte weiter, lernte im Laufe der Zeit immer mehr Leute aus der Filmszene kennen, ging zu Castings und es schritt voran. Ab da durfte ich viele tolle Rollen spielen und jede Menge Filme drehen. Auch das Theater habe ich nie aus den Augen verloren, obwohl es einmal eine Pause von fast 15 Jahren gab. Zuletzt habe ich den Picasso in einem Zweipersonenstück gespielt und bis Corona kam, war ich Richard III. Beide Stücke liefen in Stuttgart.

CWH: Zusammen mit Ihrer Frau Lisa haben Sie vor einiger Zeit die Großstadt München gegen das Landleben getauscht und sind nach Niederbayern gezogen. War das die richtige Entscheidung?

  • MT: Es war die beste Entscheidung, wir sind jetzt genau dort angekommen, wo wir sein sollen und wollen. Wir fühlen uns hier super wohl, leben quasi im Paradies. Auch wenn die Suche nach dem neuen Zuhause etwas gedauert hat. Wir haben irrsinnig viele Häuser angeschaut, aber irgendetwas hat immer nicht gepasst. Niederbayern stand nicht ganz oben auf unserer Liste, wir wollten näher an München bleiben. Als wir aber das Haus hier gesehen haben, war uns beiden sofort klar: Das ist ein Volltreffer, hier bleiben wir. Wir kennen inzwischen das ganze Dorf und sind komplett eingebunden. Ich glaube, den Menschen hier hat es gut gefallen, dass wir im Haus so vieles selber gemacht haben.

CWH: Was zum Beispiel?

  • MT: Ich habe unter anderem unser Bad gemacht. Ich arbeite gerne mit Marmor, hatte noch alte Tischplatten vom Sperrmüll und habe Duschwände kreiert. Auf einer ist ein tanzendes Paar zu sehen. Einen Kamin habe ich auch gemeißelt und gerade arbeite ich an einer Skulptur – einer Mischung aus Picasso, den ich ja gespielt habe, und mir. Ich glaube, sie wird richtig gut.

 

Ein Mann mit vielen Talenten

Steht er nicht vor der Kamera oder auf der Bühne, widmet er sich der Kunst und dem Handwerk, kreiert Objekte aus Marmor oder baut einen Pizzaofen aus Lehm. Ein echt spannender Typ: vielseitig, kreativ, bodenständig und absolut sympathisch.

Foto: Max Tidof

CWH: Künstler durch und durch!

  • MT: Vor meiner Schauspielkarriere wollte ich Maler werden. Da hat mir aber die Vision gefehlt, so wie ich sie jetzt bei der Bildhauerei erlebe.

CWH: Vermissen Sie bei so viel kreativer Tätigkeit das Spiel auf der Bühne oder vor der Kamera?

  • MT: Nein, nicht wirklich. Ich habe so viel gedreht in meinem Leben und das Film- und Fernsehumfeld hat sich auch sehr verändert. Leider nicht zum Positiven.

CWH: Ihre Frau hat mir verraten, dass Sie auch gerade dabei sind, einen Pizzaofen aus Lehm zu bauen.

  • MT: Ja, das ist richtig, ich liebe Lehm als Material. Ich habe ihn von einer Ausgrabungsstelle nahe unseres Ortes bekommen. Das war wirklich toll. Nächste Woche kommen Freunde aus dem Schwarzwald zu Besuch, da werden wir ihn einweihen.

CWH: Prima, dann freue mich auch schon auf eine Pizza, wenn ich Sie beide im September besuchen komme und das neue Zuhause bestaunen darf. Herzlichen Dank für das schöne und humorvolle Gespräch und viele liebe Grüße an Ihre Frau.

Das Interview führte Karin Werner, Chefredakteurin CAMPINGWIRTSCHAFT HEUTE